Autobahn

„Wir fahrn, fahrn fahrn auf der Autobahn …“ wer kennt das Lied noch? Die Band „Kraftwerk“ brachte es 1974 raus und während ich diesen Artikel schreibe, läuft es im Hintergrund. 34 Minuten geht diese Version, was ziemlich lang ist. Dafür, dass das Lied nicht wirklich viel Text enthält. Aber Autobahnfahrten sind genauso, viel Zeit, wenig Inhalt. Das Lied finde ich ziemlich cool. Manchmal. Warum nur?
Gerhard Zirkel
26.10.2022

Ist eine Autobahn schamanisch?

Aber warum schreibe ich jetzt von Autobahnen und langen Liedern? Es geht nicht um das Lied, sondern tatsächlich um die Autobahn, zumindest metaphorisch. Ich bin gerade auf Gran Canaria und von Maspalomas, die Autobahn bis nach Telde gefahren. Dreispurig, halbwegs erträglicher Verkehr.

Und wie das so ist beim Fahren auf der Autobahn, habe ich über dies und das nachgedacht. Autobahnen bin ich ja in meinem Leben schon viele gefahren, die meisten natürlich in Deutschland, weil ich da die meiste Zeit verbracht habe.

Es ist spannend zu beobachten, welche unterschiedlichen Typen von Fahrern es gibt und auch bei mir habe ich, je nach Stimmung, schon nahezu alle erkennen dürfen. Inklusive dem Drängler, muss ich gestehen, wenngleich mir der gar nicht liegt, ich persönlich finde das ziemlich unhöflich. Hab ich auch nicht oft gemacht. Wirklich nicht.

Manchmal war ich schnell unterwegs, dann wieder langsam. Manchmal gemütlich auf der rechten Spur, egal wie langsam das gerade ging, manchmal auch mit über 200 Sachen auf der linken Spur, (fast) alle hinter mir lassend.

Da gibts diejenigen, die immer rechts bleiben, andere sind immer links, manche schleichen auf der Mittelspur, andere sind mal rechts und mal links und wieder andere irgendwo dazwischen. In Mexiko zum Beispiel. Man glaubt nicht, wieviele Spuren eine dreispurige mexikanische Autobahn haben kann …

Manchmal …

Manchmal will man die rechte Spur gar nicht verlassen. Weils so schön bequem vor sich hin dümpelt, man bei 80 Sachen hinter dem LKW nicht so aufpassen muss. Und weil man, so bald man nach links zieht, oft zum Ziel der „Raser“ wird, die das nicht lustig finden, wenn sie mit 200 Sachen angerauscht kommen und du mit 80 rausziehst.

Da ziehst du dir schonmal den Hass zu, behinderst jemanden und musst die Lichthupe aushalten.

Klar, gibst du dann Gas und vielleicht sogar genug um den Drängler abzuhängen, was für diesen vermutlich ziemlich peinlich ist. Das gibt dann gleich noch einen Hass-Nachschlag, aber wen kümmerts, wenn der von weit hinten kommt?

Aber zuerst steht die Überwindung, nach links rauszuziehen. Es auszuhalten, jemanden zu stören. Sich Kritik zuzuziehen. Aufzufallen. Vielleicht gar negativ. Puh, da bleibt man doch lieber rechts. Auch wenns dort vielleicht nur noch mit 60 weitergeht oder noch weniger. Aber bevor man sich der Kritik der Anderen stellt, lieber nix riskieren.

Bis es dann nicht mehr weitergeht und du entweder auf der rechten Spur stehst oder dich doch überwindest. Gar nicht so leicht das. Speziell dann, wenn du schon stehst und links daneben der Verkehr noch fließt. Wie sollst du dann noch rauskommen? Lässt einen ja sowieso nie einer rein. Alles unhöfliche Angeber. Alle!

Über was ich wirklich nachgedacht habe?

Nicht über Autobahnen und Spuren, sondern über das Leben und wie man darin agiert. Oder als Frage formuliert: Auf welcher Spur fährst du?

Bist du ganz rechts, vor lauter Bequemlichkeit oder aus Angst? Oder weil du glaubst, du könntest nicht mehr? Schaust dabei zu, wie alle an dir vorbeiziehen? Weißt, dass sie alle ankommen, lange, bevor du irgendwo bist? Bleibst du auch lieber rechts ganz stehen, als nach links rauszuziehen und Gas zu geben?

Weil du da vielleicht von hinten angedrängelt oder angehupt wirst? Weil du dich vielleicht rausdrängeln musst. Weil du dann sichtbar wirst und natürlich Gas geben musst? Weil links keiner steht, der dich einlädt und du selber schauen musst, dir deinen Platz nu nehmen?

Und das magst du nicht? Dir selbst zu nehmen, was du brauchst? Ja, wer soll dir das denn sonst geben? Kommt da einer, der dich bedient? Nicht auf der Autobahn und auch nicht im Leben.

Immer wieder

Ich höre das immer mal wieder von Leuten, die eigentlich ja wollen, sich aber nicht zu können trauen. Eigentlich wissen die, wo sie hin wollen, sie haben die Fähigkeiten, aber sie trauen sich nicht, die Spur zu wechseln.

Lieber rechts hinter dem LKW, dem Chef, den Eltern, dem Partner, den ganzen Ausreden, bleiben, auch wenn es da irgendwann nicht mehr weitergeht.

Sind die Linksfahrer für dich auch das absolut Böse? Mit ihren dicken Angeberkarren und der Arroganz, schneller fahren zu wollen als Andere? Ist da vielleicht so ein bisschen Neid dabei, weil du auch gern mal überholen würdest?

Oder glaubst du, du könntest nicht schneller? Vielleicht, weil deine ganze Familie immer schon eher auf der rechten Spur war? Willst du nicht der erste sein, der ausschert? Oder hast du von Onkel Willi gehört, der das mal versucht hat und dann gescheitert ist und jetzt traut sich keiner mehr was, weil keiner wie Willi sein mag?

Wartest du drauf, dass links endlich die lange Lücke ist, in die du rausziehen kannst, ohne dich reinquetschen zu müssen? Wartest du vielleicht auf die große Einladung?

Die Metapher

Ich finde die Metapher mit der Autobahn ziemlich passend. Denn die Frage im Leben ist auch: Bleibst du rechts, nimmst was man dir zugesteht und schleichst so vor dich hin? Oder wechselst du die Spur und fährst in deinem Tempo, auch auf die Gefahr hin, viel schneller als alle Anderen zu sein?

Das geht nämlich, denn das Leben hat nicht nur zwei oder drei Spuren, es hat unendlich viele und auch eine für dich. Die DEIN Tempo kennt. Wenn du immer nur rechts bleibst, wirst du sie nie finden.

Und du sitzt in einem Auto, dass definitiv schneller ist, als 80 Sachen für die rechte Spur. Und schließlich hat so eine Autobahn ja nicht nur Spuren, sondern auch Ausfahrten und Parkplätze. Daran schonmal gedacht? Du kannst jederzeit rausfahren, ganz, weil du ein lohnendes Ziel neben der Autobahn ansteuerst. Oder vorübergehend, weil du dir nen Kaffee holst oder einfach kurz die Augen zu machst. Und dann fährst du wieder drauf und wählst deine Spur.

Dazu wirst du halt aktiv werden müssen. Ja, schon wieder dieses „müssen“. Niemand zwingt dich, dein Leben zu verändern. Du kannst rechts bleiben, oder in den Graben fahren und aufgeben. Niemand zwingt dich zu irgendwas. Du kannst auch weiter Ausreden erfinden, warum das alles nicht geht.

Kein Problem, niemand wird dich dafür verurteilen, ich schon gleich gar nicht. Aber WENN du dich entscheidest, dein Leben zum Besseren zu wenden, DANN musst du etwas tun. Und zwar den Blinker setzen und die Spur wechseln. Und dann Gas geben. Und DABEI kann ich dir helfen.

Ein Kommentar zu “Autobahn

  1. Katja April 14, 2024 um 12:21 pm Uhr

    Ja!!! Super Text!

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