„Vorsicht er kommt“, die EINS flüstert aufgeregt, laut zu sprechen traut er sich nicht. „Ok ich seh ihn“, kam ebenso leise von IHM zurück. Eigentlich von der ZWEI, der IHN spielte um den Schamanen in die Irre zu führen, der da im Anmarsch war.

Sie wussten es ja schon länger, der Termin stand schon letzte Woche. Aber wenns dann passiert, ist es doch was anderes. Jetzt kommt er also, der Schamane. Zu ihnen in die geistige Welt, was auch immer er da zu suchen hat. Sie hatten doch alles so schön im Griff gehabt. Der echte ER lag sauber in Ketten, kein Problem. So lange niemand kam um nachzusehen versteht sich, aber das war doch auch nicht zu erwarten gewesen, oder?

Jetzt passiert es dennoch, der Schamane kommt. Aber kein Thema, die zwei Wächter haben alles vorbereitet. Aber wie es so schön heißt: „Kein Plan überlebt den ersten Feindkontakt“, es gilt also wachsam zu sein.

„So gefährlich schaut er gar nicht aus“, EINS versucht ZWEI bei seiner kleinen Schauspielerei zu unterstützen. „Stimmt“, antwortet ZWEI, „ganz harmloser Kerl, dieser Schamane“.

Der ist natürlich nicht doof und kommt nicht gleich mit dem Panzer angerollt, ganz harmlos kann er ausschauen, nur mal zum Nachschauen kommen, nix Böses im Sinn.

Und so kommt er auch gleich mit einer ganz netten Begrüßung rüber. „Hallo“, „ich bin Singender Wolf und ich komme um zu helfen“. „Ja nee, is klar“, ZWEI setzt sein süßestes Lächeln auf „Auch Hallo, sei uns willkommen“, „um was geht’s denn?“. „Och, nix Besonderes“ entgegnete Singender Wolf, „meine Klientin, also quasi dein Körper in der materiellen Welt, fühlt sich schon eine Weile nicht so gut, da wollte ich mal nach dem Rechten sehen, vielleicht kann ich ja was tun?“.

„Ach ja“, ZWEI tut ganz harmlos, „bisschen anstrengend ist es ja schon zur Zeit, so viel Umbruch und Wandel überall“, „da kann einem schon die Energie ausgehen“. „Sicher“, Singender Wolf spielt das Spielchen mit, „aber da kann ich helfen, ich lasse ein bisschen Energie fließen, wenns recht ist?“. „Ja klar“, beide Wächter nicken erleichtert, bisschen Energie wäre kaum ein Problem. Offenbar merkt er nichts, der tolle Schamane.

Irgendwas ist komisch, das fühlen sie beide, aber die ganze Situation ist nicht alltäglich. Dutzendfach hatten sie das schon in der Vergangenheit getan. Seit sie beide auf dem Schlachtfeld gefallen waren, einfach abgestochen, liegengelassen, alleine. Sie hatten es damals nicht gleich kapiert, dass sie tot waren. Aber irgendwann hats dann doch Klick gemacht und da waren sie also. Zwei Seelen, auf dem Weg ins Jenseits irgendwie verloren gegangen.

Aber als sie mal raus hatten, wie man sich einen Körper besorgt, war die Welt wieder in Ordnung. Sie blieben zusammen, gemeinsam war es viel leichter. Gegenwehr gab es so gut wie nie, Körper besetzen, Höheres Selbst einsperren, Spaß haben. Am leichtesten war es bei den Betrunkenen, die hatten einer Besetzung nichts entgegenzusetzen. Bis sie wieder bei sich waren, war alles über die Bühne, die merkten nicht mal was davon. Oder die Leute in den Krankenhäusern, voll mit Morphium, leichter geht’s nicht.

Ab und zu mussten sie ihren Wirt freilich wechseln, auch der beste Mensch stirbt irgendwann, aber neue Opfer waren zuhauf da. Kein Problem. Bis jetzt!

Jetzt haben sie doch Panik, denn dass aus der echten Welt jemand zu ihnen kommt um nach dem Rechten zu sehen, das ist neu. Das ist bedrohlich. Jetzt geht’s ums Ganze, aber ihr kleines Manöver scheint zu funktionieren. Allwissend ist der Typ sicher nicht, auch noch mit so nem komischen Namen. Was soll Singender Wolf schon bedeuten? Irgend so ein Spinner der meint er könnte Gott spielen?

„Jetzt beginnt er wohl das Ding mit der Energie von dem er geredet hat“ kann sich ZWEI gerade noch denken, als es ihm den Boden unter den Füßen wegzieht. Alles dreht sich, er sieht EINS zu Boden gehen, ihm wird übel. „Was zum …“ er kann es nicht mehr aussprechen. Dieser Singende Wolf macht irgendwas, er kann es nicht erkennen, er sieht nur dass ER plötzlich vor ihm steht. Frei, ohne Fesseln, das kann doch nicht wahr sein.

Dann geht alles ganz schnell, EINS und ZWEI wissen dass es zu Ende ist, wissen dass sie keine Chance mehr haben. „Brings zum Ende“, stößt ZWEI noch hervor und dann geschieht es … aber es ist gar nicht das Ende. Was hatten sie erwartet? Es ist der Anfang. Singender Wolf ist nicht böse oder brutal, nein, er ist sanft und liebevoll. Und er zeigt ihnen einen Weg. Den Weg, den sie damals schon hätten gehen sollen.

Aber jetzt? Nach so langer Zeit? „Wer soll uns jetzt dort noch haben wollen?“ Aber alle sind da, die Eltern, die Brüder, die Schwestern, die ganze Familie. Jesus, und Licht … viel Licht … es ist wunderschön …